Als Linkshänder Musikinstrumente bedienen

Einige Beiträge zu linkshändigen Musikinstrumenten im Internet sind widersprüchlich: Bei der normalen Geige erleben es LinkshänderInnen als Vorteil, dass sie präziser greifen können (kam mir damals bei meinen Geigenversuchen auch so vor), aber jetzt soll plötzlich die rechte wichtiger sein.

Bei der Blockflöte hat die linke immer zu tun, die rechte muss gelegentlich weiter spreizen, bzw kompliziertere Griffe ausführen.

Warum soll es bei der Geige falsch sein, dass die dominante Hand die komplizierteren Bewegungen ausführt, aber bei der Blockflöte richtig?

Hier ist der vorsichtige Versuch einer Antwort eines Orchestermusikers. Vorsichtig deshalb, weil das Thema sehr komplex ist, es hat viele Aspekte, eine Vereinfachung wird der Sache manchmal nicht gerecht.

Die linke (Greif-)Hand hat vor allem die Aufgabe die Saite herunterzudrücken. Das muss sie zwar schnell und zuverlässig machen, es ist aber mehr eine “organisatorische” Aufgabe. Die rechte (Bogen-)hand hat sehr viel schwierigere Aufgaben, die Bewegungsmuster sind viel umfangreicher, sowohl grob- als auch feinmotorisch. Viel wichtiger noch ist die Bedeutung des Ausdrucks: der Bogen, nicht die linke Hand, gibt unsere Vorstellung vom Klang nach außen weiter, als Spieler möchte ich im Zuhörer Gefühle auslösen und das gelingt mir besser mit der dominanten Hand. (Stellt euch einen Redner vor, der immer mit der nichtdominanten Hand gestikuliert….!)

Forschungen gibt es praktisch keine. Wir müssen uns Puzzlesteine aus anderen Ergebnissen zusammensetzen, z.B. vom Schreiben, dort sind die Probleme ähnlich,
(Geschicklichkeit und Emotion). Erfahrungen mit Linksspielern gibt es bisher nur wenige (die sind aber sehr ermutigend), es werden aber fast täglich mehr.
Vom Schreiben mit der falschen Hand wissen wir auch, dass die Probleme z.B. Hemmungen und größere Ermüdung, bei den Betroffenen sehr unterschiedlich ausfallen, mancher hat kaum Probleme und schreibt gut rechts, andere sind total frustriert. Ursache ist möglicherweise der Transfer zwischen den beiden Hirnhälften über einen Strang (corpus callosum), der in der Tat sehr verschieden gut funktionieren kann. Beim Geigen dürfte das sehr ähnlich sein, manche haben damit weniger, manche akute Probleme.

Fazit: wer glücklich und zufrieden geigt, sollte sich nicht darüber den Kopf zerbrechen! Wer das Gefühl hat dauernd “mit angezogener Bremse” zu spielen, sollte darüber nachdenken!

Übrigens: Charly Chaplin hat, wie er schreibt, selbstverständlich als Linkshänder seitenvertauscht gespielt, zu sehen in einer Szene im Film “Rampenlicht”. Die zukünftigen Linksstreicher sind also in guter Gesellschaft!

One thought on “Als Linkshänder Musikinstrumente bedienen”

  1. Das Problem ist, dass es kein eindeutiges “besser” und “schlechter” in diesen Dingen gibt. Natürlich erscheint es logisch, dass sich in einer Jahrhunderte alten Rechtshändergesellschaft bei allen Instrumenten eine Bauweise-Spielweise herauskristallisiert, die für die Rechtshänder die meisten “Vorteile” bietet. Unbestritten. Nur zwingend ist diese Logik keinesfalls, genau so wenig, wie man beim Geigenspielen und all diesen anderen komplizierten Abläufen beim Musikmachen überhaupt von “natürlich” reden kann.
    Anders ausgedrückt: bei der Geige hat es eindeutige Vorteile, wenn man präzise greifen kann, also mit der dominanten Hand (das ist, was ein LH auf einer ‘normalen’ Geige tut). Aber tausende hervorragende rechtshändige Geiger beweisen, dass man mit der nicht-dominanten Hand auch sauber greifen kann. Und die Leute, die der Bogenhand viel Gewicht zumessen haben sicher auch nicht unrecht: ebenso ‘natürlich’ kann es schliesslich sein, mit der dominanten Hand zu streichen. Es ist eine Frage der Vorliebe, und der individuellen Anlage. Und nun zu dem alten und nicht sehr schlauen Argument, die Bogenhand müsse den Rythmus machen und daher sollte es die dominante Hand sein: der Rythmus wird in der musikalischen Vorstellung vorbereitet, und muss dann in der Greif- und in der Bogenhand simultan ausgeführt werden. Eins der Hauptprobleme bei den meisten Musikinstrumenten ist denn auch die Koordination zwischen den Händen (oder zwischen der Zunge und den Fingern, zwischen dem Atem und anderen Bewegungen usw.).

    “Bei der Blockflöte hat die linke immer zu tun, die rechte muss gelegentlich weiter spreizen, bzw kompliziertere Griffe ausführen.”

    Ich finde als LH die ‘normale’ Blockflöte aus zwei Grüden ein Unding: erstens muss man die rechte [nicht dominante] Hand unten halten, und ich bekomme immer Angst, dass ich das dumme Ding fallenlasse.
    Ausserdem ist das Spreizen mit der Rechten eher so zu formulieren: der dümmste aller Finger (nämlich der nicht-dominante kleine Finger) muss ein weit entferntes Loch sicher abdecken (bzw. bei einem Fuss mit doppelten Löchern auch noch genau den Halbtonschritt erfühlen) sonst blubbern die unteren Töne oder kommen gar nicht.
    Daher: wenn ich professioneller Blockflötist wäre, ich hätte mir schon lange ein Linkshänderfusstück gemacht – wer das richtige Holz und eine Drehbank hat, kann das in einem Nachmittag hinbekommen (dies nur zur Angabe, wie viel ein neuer LH-fuss bei einem Blockflötenmacher etwa kosten darf). Das Letzte gilt natürlich nicht für Schulblflöten aus nur einem oder zwei Stücken (und für Kopien von Renaissanceblockflöten). Allerdings ist es bei solchen Instrumenten immer möglich, von einem Profi die unteren Löcher zustopfen, und spiegelbildlich neue bohren zu lassen (und entsprechend auszuschaben, damit die Flöte wieder vernünftig stimmt).
    Ich habe mit 5 angefangen Blök-flauto (sorry) zu spielen, und es seitdem wieder gelassen, wahrscheinlich aus diesen Gründen.

Einen Kommentar hinterlassen